Kategorie: Yulis Tagebuch

  • Yulis Tagebuch, Haifa (47)

    Im Nin’alu

    Während ich auf die angekündigte Reaktion neuerlicher Angriffe an allen Fronten – oder vielleicht doch alternativ die Freilassung der Entführten? – warte, sehe ich im Fernsehen Filme von den zurückliegenden Gefangenen-Austauschen im November und Dezember des Vorjahres. Sie lösen die zwiespältigsten Gefühle aus – wir sind so macht- und hilflos,  abhängig von all dem, was in Doha entschieden wird … 

    Unter den damals Zurückgekehrten waren Maya und Itay Regev. Besonders an Maya wird man sich erinnern, die, auf Krücken gestützt, die ganze Hilflosigkeit verkörperte. Ihre Geschichte wurde erst Monate nach der
    Heimkehr, in der Rehabilitation erzählt. Maya und Itay Regev waren erst
    am 6. Oktober von einem Familienurlaub in Mexiko kommend in Israel
    angekommen. Die Geschwister fuhren direkt von Flughafen zum Musikfestival und trafen nur Stunden vor dem Überfall dort ein. Beiden
    wurde in die Beine geschossen, so daß ein Entkommen unmöglich war. Zusammen mit ihrem Freund Omer wurden sie in ein Auto gezwungen, das
    sie nach Gaza brachte. Dort brach Maya vor Schmerzen zusammen, bekam ein Medikament, was nicht half  und verlor immer mehr Blut. Schließlich ohnmächtig, wurde sie in ein Krankenhaus gebracht. Beim Aufwachen spürte sie, dass ihr Knöchel merkwürdig verbunden war – aber, sie lebte … 
    Heute, nach Monaten der Rehabilitation in Israel, kann Maya noch immer
    nicht auf ihren Füßen stehen. Dennoch ungeachtet dessen, kämpft sie mit aller Kraft für diejenigen, die noch immer in der Hand der Terroristen
    sind und tut, was in ihren Kräften steht, um die Entscheidungsfinder zu beeinflussen. Am 2. April sprach Maya in der Knesseth, um dort den Schrei all jener Mädchen und Jungen, die in der Gefangenschaft gequält werden, hörbar zu machen. 

    Im Film erzählt Maya von den Methoden der Terroristen, ihr Schmerzen
    zuzufügen: „Manchmal nahmen sie Chlor, Alkohol oder Apfelessig und pressten diese Flüssigkeiten in die Schußwunden“. Um sie ruhigzustellen, gab man ihr intravenös Ketamin oder Pethidin. Schon bald bildete sich im Bein Osteomyelitis. Die Rehabilitation hier ist anstrengend, hart und schon manchmal hat Maya Amputationen erwogen, weil sie die Behandlungen ungeheuer anstrengen und erschöpfen. Vielleicht, so der Gedanke, geht es mit einer Prothese leichter …
    In einer späteren Aktion wurde Mayas achtzehnjähriger Bruder Itai
    endlich freigelassen, gemeinsam mit fünf Kindern und sieben Frauen. Und für zwei Entführte russischer Herkunft, wohl eine Konzession an Wladimir Putin, ging die Zeit als Geiseln zu Ende. In jenem Moment kehrten auch
    Menschen zurück, die in der Gefangenschaft von ihren Angehörigen getrennt worden waren. Etwa Raya Rotem (54), die lange zusammen mit
    ihrer Tochter festgehalten wurde. Zwei Tage vor der Freilassung ihrer Tochter Hila verlor sie die Verbindung zu ihr. Nun kehrte auch die Mutter nachhause zurück.

    Raz Ben-Ami (47) war nachts, im Pyjama, gemeinsam mit ihrem Mann entführt worden. Sie leidet an Krebs, befindet sich in einem schwierigen
    geistigen und körperlichen Zustand. Ihre Rettung aus den Händen der Terroristen ist umso wichtiger, da sie in dieser Zeit weder die notwendige medizinische Behandlungen noch Linderung aller damit verbundenen Schmerzen erfahren hat. Yarden Roman-Gat aus Be’eri (36) war gemeinsam mit ihrem Mann und dem
    Baby entführt worden. Kurz vor Gaza gelang dem Vater mit dem Kind auf dem Arm die Flucht. Jetzt kehrte auch Yarden zurück. Liat Beinin- Atzili
    (49), eine gebürtige Amerikanerin und heute Leiterin in Yad Vashem, lebt im Kibbutz Nir-Oz. Ihr Mann ist am 7. Oktober ermordet worden. 

    Ariel Bibas verbrachte seinen 5. Geburtstag in den Händen der Hamas (Quelle: Comunideades Plus)

    Von einem ähnlichen Schicksal wie jenem von Maya und Itay Regev ist hier
    zu berichten: Auch Moran Stella Yanai (40) befand sich noch am 6. Oktober 2023 im Urlaub in Thailand. Sie fuhr am 7. Oktober zum Festival und wurde verschleppt, genau wie Liam Or (18), der im Kibbuz Re’im lebt. 

    Er ist der Cousin von Alma und Noam Or, die gleichfalls entführt waren
    und inzwischen zurückgekehrt sind. Der 17 Jahre alte Ofir Engel, dessen Heimat der Kibbuz Ramat Rachel ist, wurde aus Be’eri verschleppt, wo er
    gemeinsam mit seiner Freundin Yuval die Feiertage verbrachte. Auch Yuvals Vater befindet sich noch heute in den Händen der Terroristen, ebenso wie Amit Shani (16) und Gali Tarshansky (13) aus Be’eri. Gali hatte sich zu Hause mit ihrem Bruder im Sicherheitsraum versteckt. 

    Während Terroristen versuchten, dessen Tür aufzubrechen, flüchteten
    beide durch das Fenster und trennten sich auf der Flucht. Lior wurde ermordet, Gali nach Gaza entführt. 

    Besonders erwähnenswert in diesen Tagen ist: Erneut sind zwei Frauen,
    die die russische Staatsbürgerschaft besitzen, in die Freiheit entlassen worden: Irina Tetti (73) und ihre Tochter Yelena Trufanova (50). Die gesamte Familie war im Kibbuz Nir-Oz zu Hause. Irenas Mann Vitali war
    noch am 7. Oktober ermordet worden, der Sohn Sasha ist unverändert in den Händen der Terroristen. 

    Nicht alle, die die schreckliche Zeit in Gaza überlebt haben und zurückkehren durften, möchten über das Erlebte sprechen, manche von ihnen sind auch gebrochen und nicht mehr wirklich auskunftsfähig. Es
    bestätigt sich erneut, das manchen Menschen das Erzählen über die zurückliegenden Geschehnisse deren Bewältigung erleichtert oder auch nur
    zu ermöglichen beginnt, aber andere dies nicht vermögen, insbesondere jene, deren Verwandte oder Freunde getötet wurden, sich in Gefangenschaft befinden, die ihr niedergebranntes Haus sehen müssen oder den verwüsteten Kibbuz.

    Solch Trauma nach einer Zeit in der Gewalt von Terroristen bringt ihre
    gesamte Welt zum Einsturz und sie bedürfen dringend der Hilfe. Aber viele Familien in Israel klagen, daß diese Hilfe und Unterstützung
    unzureichend ist und dringend der Intensivierung bedarf. In solcher Situation geht das israelische Parlament für drei Monate – drei Monate –
    in die Ferien. Das macht mich sprachlos. 

    Am 28. November 2023, kurz vor dem sechsten Mal der Rückkehr von einigen
    Geiseln, veröffentlichte der israelische DJ Skazi einen emotional aufwühlenden Film auf seinem Facebook-Konto. Er war nach Re’im gefahren, jenem Ort, an dem das Nova-Festival stattgefunden hatte. Auf dem Feld um ihn herum waren viele Bilder von Ermordeten des Terrors gruppiert, und er ging still zum Pult und legte für sie auf.
    Der Gesang von Ofra Haza  Im Nin’alu  geht zu Herzen, es heißt hier: 

    Wenn es keine Gnade mehr auf der Welt gibt, die Türen des Himmels werden niemals verschlossen sein. Der Schöpfer herrscht über alles und ist höher als die Engel, alle werden in seinem Geist auferstehen!“ 

    Glaubt mir, Ihr müsst dieses Video sehen!

  • Yulis Tagebuch, Folge 30

    Routine im Krieg

    Im November kehrten wir in gewisser Weise zur Routine zurück. Ich weiß aber ehrlich nicht, ob man es Routine nennen kann. Es war ein bisschen so, als würde man Verrückte ohne Medikamente auf die Straße schicken.

    Die Huthi schießen aus Jemen Boden-Boden-Raketen ab und drohen mit einem erneuten Angriff. Nasrallah hält gleich seine Terrorrede, während dutzende Raketen aus Libanon täglich abgefeuert werden. Terrorgruppen im Westjordanland drohen ebenso mit Gewalt. Trotz alldem begann die Schule wieder und Menschen müssen wie Menschen eben arbeiten, um zu essen. Routine.

    Ich entschied mich, dass wir, solange der Krieg währte, nicht nach Haifa zurückkehren. Folglich geht mein Sohn ab jetzt zu einem neuen Kindergarten in der Nähe des Hauses meiner Eltern. Glücklicherweise – oder vielmehr nicht – waren in dieser Zeit ganz viele Evakuierte aus dem ganzem Land im Zentrum und die Kindergärten mussten neue Kinder aufnehmen. 

    Die Kindergärtnerinnen kümmerten sich um die Integrierung der neuen Kinder mit pädagogischen und psychologischen Werkzeugen, aber deren Wirkung war insgesamt unerheblich. 

    Die Integration ist nur ein Problem aus den vielen Schwierigkeiten, mit denen diese Kinder zur Zeit konfrontiert werden. 

    Die meisten von ihnen brauchen intensive Therapie, das kann der Kindergarten nicht bieten. 

    Für Kinder, die zu einem fremden Kindergarten, in eine fremde Stadt gehen müssen, weil Terroristen ihre Verwandten und Nachbarn geschlachtet haben und Raketen auf ihre Häuser ununterbrochen abgefeuert werden, ist nichts normal. 

    Allerdings verhalten wir uns gerade so, als ob es das wäre…

    Nachdem wir der WhatsApp-Gruppe des Kindergartens beitraten, gab es in der Gruppe der Eltern eine Debatte darüber, ob am Kindergarteneingang eine Straßenkamera installiert werden sollte. 

    Der Mangel an Vertrauen bei Menschen war so schlimm, dass eine Mutter behauptete, sie würde ihre Tochter ohne Kameras nicht zum Kindergarten bringen. Ich fand es ein bisschen komisch, dass die hysterischste Mutter in der Gruppe tatsächlich eine Amerikanerin war, oder vielleicht ist es nicht überraschend. Und als wir am Kindergarten morgens ankamen, standen bewaffnete Soldaten und Polizisten am Eingang. So eine Sicht beruhigt wahrscheinlich manche Eltern, aber mich hat es nicht beruhigt, ganz im Gegenteil. 

    Das zeigt mir, wie schlecht die Situation ist. 

    Zuhause fühlte ich mich noch schlimmer bei der Vorstellung, dass ich während eines Krieges meinen Sohn mit drei Kindergärtnerinnen und nicht weniger als 30 Kindern zurücklasse. Ich fühle es so, als ob ich ihn im Stich lasse. Deswegen war ich zuhause wie eine geladene Waffe, schussbereit bei jedem Fall zum Kindergarten loszurennen. 

    Mein Sohn distanziert sich oft von großen Gruppen. Er spielt lieber mit einem oder zwei Kindern, zu denen er eine gute Bindung aufbauen kann. Er ist ein Kind der Qualitäten, nicht der Quantitäten. Kurz gesagt, ein Kind mit dem Charakter eines Erwachsenen. Deshalb machte ich mir keine Sorgen um seine Integration in der neuen Umgebung. Gott sei Dank, anders als ich, kommt er überall zurecht.

    Das Bildungsministerium organisiert Zoom-Vorlesungen mit Psychologen und anderen Fachleuten für die besorgten Eltern, und zusätzlich richtet es eine Hotline in verschiedenen Bereichen für Studierende und Eltern ein. 

    Die Universitäten bieten auch Gespräche mit Experten, sowohl für die Studenten als auch für die Mitarbeiter an. Jedoch hatte ich nicht das Bedürfnis, über Dinge zu diskutieren. Ich wollte weiterhin putzen, Wäsche waschen, und ungeduldig jeden Tag darauf warten, mein Kind abzuholen.

    Zeitgleich mit den Aktivitäten des Bildungssystems haben auch die Nachmittagsaktivitäten wieder begonnen. Ich meldete mich und meinen Sohn sofort für Krav-Maga an.

    Selbstverteidigung fand ich wichtiger im Moment, als über meine Ängste zu reden. Ich wollte mich aus dieser Hilflosigkeit herausholen. Und wenn es niemanden gibt, der uns beschützt, müssen wir lernen, uns selbst zu schützen. 

    Kredit: Foto von der Facebook Seite von Michael Hans Höntsch
  • Yulis Tagebuch, Folge 29

    Hurricane

    Zwischen dem Song „Hurricane“ und dem Originalsong „October Rain“ gibt es eigentlich keinen großen Unterschied. Im Grunde wurde der Titel „Hurricane“ gegen die Worte „October Rain“ ausgewechselt. Es gibt auch keinen Unterschied in der inneren Bedeutung des Songs. Jedoch, das Wort „Oktober“ war eine Provokation für die Europäische Kommission und sie konnten es einfach nicht annehmen. Das heißt, es kommt nicht auf die Bedeutung an, sondern darauf, wie der  Song interpretiert werden kann. Nicht der Inhalt, sondern die Hülle. Apropos Hülle, Schalen und Früchte: Das niedliche Symbol des Protests in den Farben der palästinensischen Fahne wurde durch das Zeichen einer geliebten Frucht ersetzt. Schmackhafter, süßer, bestens kalt serviert, rot mit grüner Schale und schwarzen Samen. Wisst Ihr schon welche Frucht ? Ich mag auch Wassermelone. Jedes Mal, wenn Ihr eine Wassermelone esst, denkt jetzt an Palästina. „Contemporary“ halt… 

    Im Jahr 2024 vertrat Eden Golan Israel beim Eurovision Song Contest. Sie musste unter der Sicherheit des Shin-Bet in Schweden ankommen. Von tausenden von Polizisten, Scharfschützen auf den Dächern des gesamten Komplexes und verdeckten Polizisten bewacht vom Flugzeug aus einsteigen, im Hotel, bei Proben und in jeder restlichen Sekunde in Malmö. Und das alles, um halt einen Song zu singen. Wenn ich diese Worte schreibe, kommt es mir vor wie das Bild einer jüdischen Frau Ende der dreißiger Jahre in Europa, die den Nazis zu entgehen versucht. Eden Golan ist die „Contemporary“ Marlene Dietrich. (Ich wollte halt „contemporary“ nutzen, damit es ebenso cool anzuhören ist.) Anscheinend sind wir in Europa nach 100 Jahren wieder am Ausgangspunkt angelangt. Um ein Jude in Europa zu sein, muss man sich verstecken, sich entschuldigen, sich bücken oder einfach den Mund halten. Also bleibe ich in Israel, denn wohin könnte ich sicher mit meinem Sohn reisen, der fast ausschließlich Hebräisch spricht? Wie oft kann man einem kleinen Kind sagen, es solle „leise sprechen“, denn es ist gefährlich, Hebräisch in Europa zu sprechen.

    Eden, ein 20-jähriges Mädchen mit phänomenalem Gesangstalent, betrat die Bühne und hat die „Buh‘s” des Publikums gehört. Das war bisher noch nie passiert. Weiterhin hat das israelische Team erzählt, dass die meisten Mitglieder der Delegationen nicht bereit gewesen seien, mit den Israelis Fotos zu machen. Sie forderten Eden sogar auf, sie in Edens Social Accounts nicht zu markieren und Posts mit ihnen zu löschen. Es sollte niemand sehen, daß sie freundlich zu Eden waren und sie mit ihr Fotos gemacht haben… 

    Der Schweizer, Nemo, der dann gewonnen hat, distanzierte sich gleichfalls vom israelischen Team, trotz der Punkte die er vom Hurricane-Komponisten für die Musik erhielt.

    Dann kam die Pressekonferenz, wo ein polnischer Journalist Eden fragte: „Glauben Sie nicht, dass Sie Menschen gefährden, wenn Sie hier sind?“ Als Eden redete, gähnte die  Vertreterin aus Griechenland und der niederländische Vertreter zog  sich  ein Tuch über den Kopf. Klassisches Europa, auf jeden Fall. 

    Die ganze menschliche Hässlichkeit wurde beim Eurovision Song Contest verkörpert. Und die Masken, das Make-up und die Musik waren nicht die schrecklichsten Dinge dabei. Abseits der Bühne passierten weitaus schrecklichere Dinge.

    Überraschenderweise (und ich schließe normalerweise nicht mit einer positiven Note ab, um eine Illusion zu erzeugen. In dem Sinne bin auch kein Fan amerikanischer Filme), erhielt Israel vom Publikum in 14 Ländern Douze Point, am meisten von allen Teilnehmern im Wettbewerb. Sogar aus Belgien, wo es eine Aufschrift am Fernsehen „Wir verurteilen Israels Menschenrechtsverletzungen“ vor Edens Auftritt gab und gleichfalls aus dem spanischen Publikum, dessen Regierung plant, einen palästinensischen Staat einseitig anzuerkennen. Aus Portugal, dessen Vertreterin sich entschieden hat, Wassermelonen auf ihre Nägel zu malen, und auch aus Australien, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, San Marino, Schweden, der Schweiz und Großbritannien.

    Allerdings vergaben die Juroren, eine sehr niedrige Punktzahl mit einem erheblichen Abstand zur Publikumswahl – was normalerweise nicht der Fall ist – und Eden belegte daher den fünften Platz.

    Was die Publikumswahl anging, verließen die Israelis die Eurovision mit einem Siegesgefühl. Gleichzeitig gibt es eine bittere Erinnerung an den Empfang im Wettbewerb und wie die anderen Mitglieder sich der israelischen Delegation gegenüber verhielten. 

    Aber wer seid Ihr, die Ihr für den israelische Song gestimmt habt? Warum drückt Ihr  Eure Stimme nicht lauter aus? Warum werden vernünftige Stimmen in den Medien nicht gehört? Warum ist die Unterstützung für Israel für mich so überraschend geworden? 

    Weil ich vorher dachte, dass es die Welt nicht mehr gibt. Warum muss jedes Mal etwas großes passieren, damit sich etwas ändert und die Menschen ihre Augen öffnen? 

    Vielleicht ist dies die einzige Möglichkeit, die Weltordnung zu verändern, und zwar nicht durch die Hände der Schuldigen, sondern durch eine Macht, größer als die Menschen, eine Katastrophe vom Ausmaß einer Naturkatastrophe, etwas so Tödliches wie einen Hurrikan.

    https://www.youtube.com/watch?v=K60BWlEhtAA

  • Yulis Tagebuch, Folge 28

    Eurovision

    October Rain

    Der Oktober ist vorbei und viele andere Dinge mit ihm.  Ich möchte Euch schon erzählen, was im November passiert ist, aber ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich statt über den andauernden Krieg über einen Songwettbewerb schreiben würde. Der „Eurovision Song Contest“ von dem ich bezweifle, daß irgendjemand daran interessiert gewesen wäre, wenn nicht das kommerzielle Fernsehen den Eurovision Song Contest zu einem Gesprächsthema gemacht hätte. Es handelte sich auf jeden Fall um eine öffentlich seit Jahren bekannte „Show“, von dem die Zeitungen Monate vorher schon schreiben.

    Ich möchte glauben, dass ich ganz objektiv bin, wenn ich sage, daß der Eurovision Song Contest in den letzten Jahren wie ein Zirkus aussieht und die meisten Songs sind einfach….schlecht. Unter anderem mag ich Rock. Ich bin mit Nirvana, Megadeth, Metallica, Guns and Roses sowie mit Punk und Hip-Hop aufgewachsen und deshalb (eventuell) irritieren mich die seltsamen Masken und Kostüme nicht. Ich bin auf die Musik fokussiert und nicht auf die Kulisse. Aber auch diese sollen mit Geschmack gemacht werden. Hauptsache ist die Musik und die soll auch gut sein. Meistens ist das nicht so. „Contemporary“… sag nicht mehr modern oder post-modern – schon alte und unrelevante Worte – alles ist jetzt „Contemporary“. „Contemporary“ Tanz, Musik… u.a.  bedeutet es, die Verbindung oder Kombination zwischen verschiedenen/andereArten, Styles, Genre usw. in einer Kreation.  

    Dieses Jahr versuchte das Publikum in vielen Ländern, und auf unverhohlene Weise, Israel vom Eurovision Song Contest auszuschließen. Viele der jungen Leute, die sich nicht gut mit Geschichte auskennen, verglichen Israel mit Russland, und behaupten, wenn Russland am Eurovision Song Contest nicht teilnimmt, sollte es Israel ebenso nicht. 

    Abgesehen von der kleinen Tatsache, dass Israel keinen Krieg gegen Gaza begonnen hat und gegen Gewalt fanatischer anti-westlicher Terroristen kämpft. Russland ist im Gegensatz dazu, in ein Land in Europa einmarschiert und droht sogar mit der Invasion anderer europäischer Länder, wenn diese der NATO beitreten. Kleine Unterschiede für Studenten in den besten Universitäten der Welt. Mit dieser Generation geht die Welt nur nach unten.  

    Wenn schon, dies lässt sich vielleicht mit der amerikanischen oder britischen Invasion in Afghanistan vergleichen. Allerdings, damals ist die Teilnahme Großbritanniens am Eurovision Song Contest überhaupt nicht in Frage gestellt worden. Aber solche Kritik ist gerade auf Social-Media nicht aufgekommen. „Contemporary“ Meinungen halt…

    Ursprünglich hieß der israelische Song zum Eurovision Contest  „October Rain“. Der Song wurde abgelehnt, weil er als zu politisch angesehen wurde. Es stimmt, daß der Song unter dem Eindruck der Ereignisse vom letzten Oktober geschrieben wurde, aber ist der Song politisch? Ich denke nicht.

    Lasst mich aus dem abgelehnten Song zitieren

    Writers of the history
    Stand with me
    Look into my eyes and see

    People go away but never say goodbye
    Someone stole the moon tonight

    Took my light

    Everything is black and white

    Who’s the fool who told you boys don’t cry

    Hour and hours and flowers
    Life is no game for the cowards
    Why does time go wild
    Every day I’m losing my mind
    Holding on in this mysterious ride

    Dancing in the storm
    We got nothing to hide
    Take me home
    And leave the world behind
    And I promise you that never again
    I’m still wet from this October rain
    October Rain

    Es ist hauptsächlich politisch, da der Song unmittelbar unseren Schmerz zum Ausdruck bringt. Daher wurde dieser Song disqualifiziert und ebenso ist die israelische Perspektive auf die Ereignisse in den globalen Medien. Unser Schmerz ist in dieser ganzen Geschichte marginal, und wir dürfen darüber nicht singen. Wir haben zu viele Erwartungen an diese Welt gehabt…

  • Yulis Tagebuch, Folge 24

    Holocaust Gedenktag in Israel und den 7. Oktober

    „Nie Wieder“-Folge

    Nie Wieder“

    In dieser Woche haben wir den Holocaustgedenktag in Israel begangen. Schon vorher habe ich die Spannung, die von diesem Datum ausgeht, gespürt. Denn noch immer sind 133 Menschen in der Gefangenschaft der Hamas, darunter ein Baby, Frauen, Väter, Kinder und sogar ein Holocaustüberlebender, der 86 Jahre alt ist. Daneben gilt die erinnerung jenen Holocaustüberlebenden, die am 7. Oktober ermordet wurden. Und natürlich trauern die Holocaust- überlebenden, die ihre Enkelkinder im Krieg verloren haben, oder die beim Überfall auf das Festival ermordet wurden – es ist schwer, ihnen in die Augen zu schauen. 

    Vor dem 7. Oktober hing der Spruch „Nie Wieder“ sehr eng mit diesem Gedenktag zusammen. In dieser Woche ist der Spruch nicht mehr so stark wie früher betont. Ja, ich kenne natürlich den Spruch „Never Again is Now“ („Nie wieder ist jetzt“), aber er enthält meiner Meinung nach eine ganz andere Bedeutung, die viel stärker lokal als universal und viel mehr eine politische als eine kulturmäßige Aussage ist. Insgesamt gibt es freilich einen großen Unterschied zwischen unserer Perspektive und, wie diese Aussage andernorts in der Welt interpretiert wird. Wir fühlen uns hier mehr oder weniger allein, und deshalb war es in diesem Jahr ein besonders trauriger Gedenktag. 

    Ich finde es falsch, zwischen dem Holocaust und dem 7. Oktober zu vergleichen. Das habe ich schon diskutiert. Aber zwischen dem Holocaust und dem 7. Oktober gibt es eine Verbindungslinie, nicht nur durch die Art der Verbrechen, sondern auch durch die Reaktion darauf. Das Geschehen hat die ganze Welt politisch aufgerüttelt, hat Tabus gebrochen wie etwa den Angriff Irans. Auch die für mich seltsame Frage des existentiellen Rechts der Juden in diesem Land ist überall wieder aufgeworfen worden. Mich erinnert die Verleugnung bzw. die Verkleinerung der Verbrechen der

    Hamas über die formellen Medien und bei ihren Unterstützern und Antisemiten über die Sozial-Media an die immer noch verbreitete Verleugnung der Shoah. Und der stumme Mund schreit: „Aber ihr habt doch selbst Verbrechen begangen, wie könnt ihr eure Gräueltaten jetzt verleugnen?“

    aus: Social Media

    Denn bei der Verwendung von Filmmaterial gibt es eigentlich keine Bindung an irgendeine Wahrheit. Und so, wie man ein historisches Filmmaterial aus dem Holocaust nutzen kann, um Erinnerungen hervorzurufen, kann man denselben Film auch dazu nutzen, die Realität zu verzerren oder zu leugnen, wie es nach dem Holocaust und wie es gleichfalls nach dem 7. Oktober geschah. 

    Trotz der Live-Dokumentierung beeilte sich die Hamas zu behaupten, dass die IDF für den Tod der Zivilisten verantwortlich sei, und brachte dies offiziell in einem am 21. Januar herausgegebenen Dokument zum Ausdruck, in dem sie alle ihr zugeschriebenen Verbrechen leugnet. Dieses Pamphlet wurde in den sozialen Medien verbreitet und wie der letztens aufgetauchte Brief von Bin-Laden erfreut es sich bei Pro-Palästinensern und Antisemiten auf der ganzen Welt großer Beliebtheit.

    Tatsächlich haben auch die Nazis ihre Verbrechen dokumentiert, aber im Gegensatz zur Hamas haben sie diese nicht veröffentlicht. Privatpersonen, die an jenen Dokumentationen beteiligt waren, und solch Filmmaterial über Gräueltaten besaßen, achteten darauf, diese nach dem Krieg zu verstecken oder gleich zu vernichten, um einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen. 

    Tatsächlich wurde die einzige verfügbare historische Dokumentation in Bundesarchiv, in der man den Akt des Massenmordes „live“ sieht, mit einer Privatkamera gefilmt und ist weniger als eine Minute lang. Daher beruht die historische Erinnerung an den Holocaust wenig auf fotografischen Beweisen der Vernichtung, sondern auf Zeugenaussagen von Überlebenden, Filmen von Ghettos, Fotos und Filmen der Alliierten von der Befreiung, u.a. Auschwitz, Bergen-Belsen usw. und wenigen Fotos und Filmen, die sich im Besitz von Nazis befanden.

  • Yulis Tagebuch, Haifa (17)

    Dieser Text erschien am 30. März 2024  zuerst in der deutschen Version und wird jetzt mit Hilfe von Google und spanischem Lektorat auf spanisch zur Verfügung stehen.

    Purim

    Gestern geschah in Russland ein Terroranschlag. Bewaffnete Männer drangen in einen Konzertsaal ein und erschossen unschuldige Zivilisten. Putin wirft dem Westen, vor allem den USA und Großbritannien, vor, dass die Warnungen vor dem Anschlag Russland in Angst und Schrecken versetzen sollten. Er beschuldigt die Ukraine, den IS-Terroristen einen Fluchtweg ermöglicht zu haben. Ja, er gibt der Ukraine die Schuld, dem Land, das er seit zwei Jahren gnadenlos angreift und das inzwischen massiv zerstört ist, ein Land, dessen Hälfte der Bürger als Flüchtlinge leben. Ja, so ist es mit Menschen wie Putin, die sich als Opfer präsentieren und dabei selbst blutige Beute zwischen den Zähnen halten.

    Ähnlich Putin, der terroristische Akte oder terroristische Regierungen (d.h. Diktaturen), die pausenlos die Stabilität des Westens zu untergraben anstreben, unterstützt, hat auch Hamas ein Interesse daran, dass die Kämpfe im Gazastreifen zunehmen werden. Denn mit der Zeit verliert Israel zusehends seine Legitimität, in Gaza zu agieren, und so wird auch sein Bündnis mit dem Westen erneut auf die Probe gestellt.

    Wir erleben eine dramatische Entwicklung: Der Terror, Krebsmetastasen gleichend, kehrt sofort an jene Stellen zurück, die die israelischen Streitkräfte verlassen haben, um sich abermals auszubreiten. Beispielsweise verschanzten sich erst vor wenigen Tagen Tausende Terroristen im Al-Shifa’a-Krankenhaus. Dort kam es abermals zu einem erbitterten Kampf. Und während die Zahl der Opfer in Gaza zunimmt, ist es für die Hamas ein Sieg im Kampf um das Bewusstsein (d.h. was die Publikumsmeinung weltweit betrifft). Denn wenn die Hamas die Entführten freigelassen hätte, hätte es viel weniger Opfer gegeben und die IDF hätte sich aus den meisten Orten im Gazastreifen zurückgezogen. Aber bei Raubtieren ist das nicht der Fall, Blut schreckt sie nicht ab. Ganz im Gegensatz, es erregt sie nur.

    Inzwischen leben viele Migranten/Olim aus der Ukraine in Israel, ihre Zahl nahm nach dem Krieg mit Russland deutlich zu. Viele ihrer Eltern jedoch haben die Ukraine nicht verlassen. Sie erzählten mir von ihren Familien und dem Krieg dort, wie etwa ihre Eltern das Glas aus den Fenstern nehmen müssen, um bei den Raketenangriffen nicht durch Scherben verletzt zu werden. Stattdessen dichten sie die Fenster mit Holzbrettern ab. Wenn sie ihre Kinder in Israel besuchen wollen, wäre es über Moldawien oder über ein anderes Land, je nachdem, welche Grenze in ihrer Nähe liegt, möglich. Aber die Reise nach Israel dauert manchmal zwei Tage lang. Für viele Eltern ist das zu anstrengend. Als am 7. Oktober der Krieg ausbrach, riefen sie die Kinder an und fragten sie, ob sie in die Ukraine kommen wollten, bis sich die Lage hier beruhigte. Ja, die Situation in Israel ist wahrscheinlich schlimmer als die Situation in der Ukraine, zumindest sieht es von der anderen Seite so aus.

    Was der Krieg in Israel mit dem Krieg in der Ukraine gemeinsam hat, ist die Tatsache, dass die Bilder, die die Welt erreichen, immer nur Teile der Realität sind. Und der Kontext ändert sich je nach Deutung. Und diejenigen, die nicht hier sind, haben keine Vorstellung, was wirklich vor Ort geschieht.

    Diese Woche haben wir Purim gefeiert. Während Israel ständig von Norden her gegen die Hisbollah kämpft, wird über diesen Krieg kaum berichtet. Dieser Krieg bringt also nicht so viele Nachrichten hervor. Die Raketen, die die Hisbollah aus dem Libanon auf uns abschießt, bringen in Europa keine Demonstranten auf die Straße, weder für noch gegen Israel. Es interessiert einfach niemanden, da die Toten in diesem Krieg hauptsächlich israelische Zivilisten sind. Wann habt ihr in einem westlichen Land Kinder gesehen, die mit den Händen auf dem Kopf auf dem Boden lagen? Vielleicht in der Ukraine, zu Halloween, ich weiß es nicht. Ich habe es nirgendwo andernorts gesehen, aber in Israel schon…

  • Yulis Tagebuch, Haifa (16)

    Alles, was ich geben kann

    Seit dem 7. Oktober sind fast zwei Wochen vergangen und der Alltag ist irgendwie anders. Dinge sind nicht mehr die gleichen. Hingegen über solche Dinge wird in den Medien nicht berichtet, weder in Israel noch woanders. Beispielweise, die Fenster in den Häusern sind zugeschlossen. Warum ist es bedeutend oder relevant?
    In einem Land, in dem es meist sonnig und warm ist (die Temperaturen entlang der Küste auch im Herbst sind relativ hoch, etwa +20 Grad Celsius) sind die Fenster oder die Jalousien tagsüber meist geöffnet. Seit dem 7. Oktober sieht es von außen so aus, als wären alle nicht zu Hause. Als wären die Einwohner ins Ausland gegangen. Eine Fantasie, in jedem Fall, da alle zu Hause eingesperrt sind. Das Eindringen von Terroristen in die Häuser führte dazu, dass jeder alles verschloss und niemandem vertraute. Sogar Hauslieferungen haben derzeit aufgehört. Niemand möchte einen fremden Mann mit Helm auf dem Kopf vor der Tür sehen. Außerdem gibt es immer noch ganz wenig Menschen – oder Autoverkehr da draußen, und auch ich habe es nicht eilig, oft einzukaufen.

    Ich rufe Lea, meine Nachbarin, an. Ich bitte sie, meine Post zu Hause zu holen und in der Wohnung kurz reinschauen, ob alles in Ordnung ist. Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass ich Lea habe. Sie ist ein Engel von Himmel. Und obwohl sie im Alter meiner Mutter ist, ist sie eine meiner besten Freundinnen. Ein
    Gespräch bei Mittag- oder Abendessen bei einer Flasche Wein mit ihr, ist die beste Unterhaltung. Sie kam ursprünglich aus Deutschland und hat vier Kinder, die in Israel und in Deutschland leben, und außerdem ist sie die glücklichste Witwe, die ich je gekannt habe. Im Grunde könnte sie in diesen Zeiten bei ihrer
    Tochter bleiben, aber sie will in Haifa bleiben, „aus Prinzip!“ beantwortet sie eine Frage.
    Ich beschließe morgen das Gemeindezentrum zu besuchen und für die evakuierte Familien aus dem Süden und Norden benötigte Dinge zu spenden. Bei meinen Eltern gibt es viele Sachen, die wir abgeben können. Da ich aus verschiedenen Gründen nach der Geburt meines Sohnes bei meinen Eltern gewohnt habe, haben wir zum Glück hier alles, was wir brauchen. In gewisser Weise fühle ich mich in einer ähnlichen Situation, in der mein Körper traumatisiert ist, und trotzdem versuche ich mich ganz normal zu verhalten.
    Ich suche auf WhatsApp, die Nachricht von Natalie um die Liste mir noch einmal durchzuschauen. Mein Sohn ruft „Mama, wo bist du?“, „Ich bin hier mein Lieber, im Schrankzimmer. Komm her, hilf mir dein Spielzeug auszusortieren. Nachher gehen wir auch deine alte Kleidung durch, die für dich schon zu klein ist.“
    Nachdem er ins Bett gegangen ist, kann ich auch in Ruhe meine eigenen Sachen aussortieren. Es wäre eine gute Gelegenheit, mich selbst von Erinnerungen und allen möglichen unnötigen Dingen zu befreien. Er hat zwar seine Spielzeuge den Kindern mit Freude geschenkt, seinen alten Teddy… ach, das gelang erst nach
    einer langen Diskussion (und keine Sorge, er hat noch paar Teddys, die wir behalten). Auf jeden Fall war ich stolz auf ihn. Die Kleidung ließ er mich allein sortieren, – da war er schon müde und sein Interesse an Kleidern ist jedenfalls fast Null.

    Lebensmittel stehen aber auch auf der Liste. Gerade mangelt es auch den Soldaten im Feld an Ausrüstung und Verpflegung. Es gibt nicht genug Essen. Darum kümmere ich mich ebenfalls, aber nicht heute, heute bin ich schon durch. Frag mich ja bitte nicht, wo die Regierung in dieser Situation ist, und was die macht. Da ich nichts von der israelischen Regierung erwarte – wie die meisten in
    der Bevölkerung – kümmern wir uns ohne zu fragen umeinander. Netanyahu, meiner Meinung, ist gerade mehr von seinem politischen Absturz verstört als von der Tatsache, dass ganze Städte in Israel mittellos evakuiert werden, und die Bevölkerung erlebt gerade eine seriöse existenzielle Angst.

    Am nächsten Tag kam ich mit fünf vollen Kisten im Gemeindezentrum an, und war echt erstaunt, wie viele Menschen mittlerweile sich engagiert haben. Der Ort war voll mit Menschen und Kisten, und es scheint so lebendig und positiv. Das fand ich wunderbar!

    Foto Kredit: Channel 12 New Expo TLV, Operation Raum von „Ahim La’neshek“ Org.

    Auf dem Rückweg hallte ein Gefühl der Freude in mir wider. Plötzlich war ich voller Kraft. Ich fühlte mich wieder so energiegeladen. Letztendlich gibt es nichts, was uns von innen so erfüllt, wie der Akt des Gebens.

  • Yulis Tagebuch, Haifa (14)

    Dieser Text erschien am 08. März 2024  zuerst in der deutschen Version und wird jetzt mit Hilfe von Google und spanischem Lektorat auf spanisch zur Verfügung stehen.

    Narrative

    Der amerikanische Sender NBC veröffentlichte heute Dokumente, die belegen, dass die Hamas am 7. Oktober bewusst geplant hatte, besonders Jugendlichen und Kindern Schaden zuzufügen. Aus diesen Unterlagen geht hervor, dass der Angriff exakt geplant wurde und es detaillierte Informationen selbst zu den anzugreifenden  Siedlungen gab. Zu den Zielen, die die Hamas hierzu identifizierte, gehören Grundschulen und Jugendzentren. Auf einer der Seiten steht sogar die Instruktion: „Töte so viele wie möglich und Gefangene nehmen!“. Jedem, der eine Geisel bringen würde, wurden zudem eine Wohnung und 10.000 Dollar versprochen. 

    Stellen Sie sich bitte die menschliche Katastrophe vor, die hinter solchen Gedanken und Motivationen steckt. Und bitte denken Sie  dabei nicht daran, dass das der spezielle Akt gegen jüdische Kinder sein soll, sondern nur –  gegen Kinder. Punkt. Egal, aus welcher Religion.

    Warum ist das besonders interessant? Sie erinnern sich sicher, dass ich manchmal in der Zeitlinie vor- und zurückgehe. Im Zusammenhang einer von Südafrika – ein Staat, dessen  Regierungschef sich im Dezember bei offiziellen Besuchen im Land mit Hamas-Mitgliedern traf  – und, ja, ein Land, in dem es für seine Bürger gefährlich ist, in den Stunden der Dunkelheit auf die Straße zu gehen – eingereichten Klage gegen Israel mit dem Vorwurf des Völkermords im Gazastreifen am 21. Januar 2024 kam es zu einer bemerkenswerten Entwicklung: Kurz bevor das Urteil in Den Haag gefällt wurde, veröffentlichte die Hamas, um es gelinde auszudrücken, ein verlogenes, manipulatives und hetzerisches Dokument. Zwar fand es in den traditionellen Medien keine nennenswerte Resonanz, in den sozialen Medien hat es sich dennoch wie ein Lauffeuer verbreitet.

    So, wie der Brief Bin Ladens junge Menschen bewog, ihre Meinungen zum Teil auf Postings mit höherer Sichtbarkeit (dafür ist die Fotogenität und die hohe Fotoqualität wichtig) auszutauschen, zum Teil in Texten bis zu maximal 100 Zeichen oder auf höchstens einer Minute langen Videos zu bilden, so teilten sie ihre Meinung in den Social-Medien auch zu diesem Dokument mit. Diese Meinung basiert oft auf Übernahmen von Social-Medien Influencern, die vor dem 7. Oktober Lebensmittel oder Kosmetik empfohlen haben, oder die im Alter von 21 Jahren ohne jegliche Lebenserfahrung einen Bachelor-Abschluss gemacht haben und sich deshalb als Intellektuelle fühlen.

    Das Hamas-Dokument trägt den Titel „Unser Narrativ – Operation Al-Aqsa-Flut“. In diesem Zusammenhang ist wichtig, folgendes zu betonen: Die Wahl des Begriffs „Narrativ“ befreit automatisch von der Verantwortung für die Wahrheit. Schließlich muss ein Narrativ den Tatsachen nicht treu bleiben. Obwohl es in letzter Zeit unter der Bevölkerung des Gazastreifens auch zu großen Protesten gegen die Hamas kam, sind jene nicht unmittelbar die Zielgruppe des Dokuments. Die Hauptzielgruppe sind vielmehr die internationale Gemeinschaft und insbesondere die jugendlichen Unterstützer der Hamas außerhalb, die zwischen Meinungen und Fakten sowie zwischen der Realität und den Posts auf Tiktok nicht unterscheiden können.

    Mit der Veröffentlichung des Dokuments vor dem Gerichtsurteil versuchte Hamas einen Teil ihrer Legitimität zurückzugewinnen. Das Dokument bestreitet die Zeugnisse, die Geschichten der Augenzeugen und Überlebenden, die forensischen Beweise und hauptsächlich die „Live“-Übertragungen der Gräueltaten der Terroristen. Nun versucht Hamas ironischerweise sich vor ihren eigenen barbarischen und unmenschlichen Taten zu distanzieren, von alledem, was am 7. Oktober zu einem Bild der Eroberung und des Sieges werden sollte. Ihre Fantasie war, Israel in einen totalen Krieg an mehreren Fronten hineinziehen, der zu dessen Zerstörung Israel führen könnte.

    Zu diesem Zeitpunkt zielte die Veröffentlichung des Dokuments darauf ab, das Urteil zu beeinflussen, die von Israel gegen die Hamas vorgebrachten Beweise zu entkräften und ähnlich dem pathologischen Bedürfnis von Mördern und Terroristen, andere zu verletzen und ihre Opfer dann zu beschuldigen, um mit  ihrer Beharrlichkeit durch Manipulation und Lügen der Bestrafung zu entgehen.

    Hiermit einige Zitate aus dem veröffentlichen Narrativ von Hamas: “Avoiding harm to civilians, especially children, women and elderly people is a religious and moral commitment by all the Al-Qassam Brigades’ fighters. […] It has also been firmly refuted the lie of the „40 beheaded babies” by the Palestinian fighters, and even Israeli sources denied this lie. Many of the western media agencies unfortunately adopted this allegation and promoted it. […] The suggestion that the Palestinian fighters committed rape against Israeli women was fully denied including by the Hamas Movement. […]”

  • Yulis Tagebuch, Haifa (13)

    Dieser Text erschien am 1. März 2024  zuerst in der deutschen Version und wird jetzt mit Hilfe von Google und spanischem Lektorat auf spanisch zur Verfügung stehen.

    Jüdischer Weltkongress
    Ein Graffiti in Dortmund vergleicht Juden mit Nazis

    Therapie

    Die IDF (Israel Defense Forces) bereitet sich auf die Invasion der Infantry in den Gazastreifen vor und der Krieg im Norden beginnt sich parallel auszuweiten. Von Syrien aus wurden täglich Raketen auf Galiläa und die Golanhöhen abgefeuert. Als Reaktion dagegen hat die IDF die Stellungen von Hisbollah sowohl in Syrien als auch im Libanon angegriffen. Inzwischen droht der Iran mit einer Attacke und die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, Russland habe dem UN-Sicherheitsrat einen Vorschlag vorgelegt, in dem es einen humanitären Waffenstillstand in Gaza fordert.

    Der Vorschlag fordert auch die Freilassung der Entführten, die Bereitstellung von Zugang zu humanitärer Hilfe und die sichere Evakuierung von Zivilisten. Russland wie auch Iran, die ihre eigenen Bürger terrorisieren, sind besorgt um die Gazaner, die unter der Terrorherrschaft leben und diese Organisation sehr stark unterstützen. Jetzt wollen die Länder für Gaza aufstehen. Insgesamt macht dieses böse Dreieck für sich Sinn.

    Das erste Wochenende nach dem 7. Oktober war hart. Es brachte uns auf psychologischer Ebene zum Samstag, dem 7. Oktober zurück. Die Gebete in den Synagogen hörten sich anders an. Das Abendessen ist ohne großen Appetit gegessen worden und „Entspannen“ fühlte sich ziemlich unbequem an.

    Wie könnte man den Shabbat genießen und sich mitten im Krieg ausruhen, wenn es nicht weit von zuhause Entführte und Tote gibt?

    Sobald das Wochenende begonnen hat, haben die Menschen darauf gewartet, dass es zu Ende geht.

    Nachdem das Gesundheitsministerium alles mögliche Personal mobilisiert hatte, um den Zehntausenden von Evakuierten, den Familien der Entführten, den Familien der Toten, Verwundeten usw. zu helfen, wird im Fernsehen am Freitag gemeldet, dass das psychische Gesundheitssystem in Israel durch die Überlastung zusammenbricht.

    Die psychischen Verletzungen sind eine wichtige Front im Krieg. Sie schwächen die Zivilbevölkerung an der Heimatfront und ziehen benötigte Ressourcen ab. Schließlich zielt der Terror genau darauf ab, nämlich auf die Angst, Panik und die Unsicherheit, die er verbreitet. Und zwar so: Von Beruf bin ich Holocaust- Forscherin und Dozentin für Terrorismus und Medien. Nun zielen diese beiden Themen, mit denen ich mich täglich jahrelang beschäftige, direkt auf mich. Und während schon über den Holocaust und den Terrorismus zu forschen und unterrichten keine leichte Aufgabe ist, bleibt es für mich unerträglich, dass mein kleiner Sohn sich mit Krieg und Terror schon auseinandersetzen muss und er ist noch nicht 6 Jahre alt.

    Aber heute ist Freitag, und wie ich es gestern entschieden habe, sitzt er jetzt vor dem iPad und schaut sich die Sendung an, die ihm den Krieg in Kindersprache erklärt. Oh Mann, das ist so schrecklich!

    Als er sich die Augen wischte, war ich aber ein bisschen erleichtert, da die Spannung irgendwie erlöst wurde. Er möchte aber über die Videos mit mir nicht reden. –„Bist du sicher?“ – „Mama, ich bin o.k., hör auf damit”. Anscheinend brauchte er etwas wie diese Videos, damit er seine Gedanken und Gefühle in Ordnung bringen kann und daran scheiterte ich irgendwie.
    In jedem Haus läuft es natürlich anders. Mit älteren Kindern kann man über den Zustand offener reden. Mit jüngeren gibt es weniger Erklärungsbedarf. Aber in seinem Alter ist es sehr komplex.

    Er versteht, dass etwas passiert ist. Er hört die Explosionen und spürt den Druck, aber wie kann man mit einem kleinen Kind über Kriege und Terror reden, ohne die Seele und seine naiven und guten Gedanken zu zerstören?

    Ab Sonntag beginnen mancherorts, je nach Ausmaß der Bedrohung, die Schulen mit dem Lernen in Zoom. Es besteht jedoch keine Verpflichtung, jetzt die Kinder in die Schule zu schicken. Mittlerweile ist auch die Semestereröffnung an den Universitäten verschoben worden, weil die meisten jungen Männer eingezogen werden und es keinen Sinn macht, das Semester zu eröffnen, wenn die Hälfte der Klassen aus zum Krieg eingezogenen Reservisten besteht. Am Samstag gab es aber Sirenen fast im ganzen Land, und ich schwöre es euch, ich gab mir Mühe, mich zusammenzureißen. Aber es war zu viel für mich. Ich habe ihm eine Nachricht geschrieben: „Bist Du auch rekrutiert worden? Ich mache mir Sorgen um Dich.“

    Therapie
    Avshalom Sassoni/Flashgo
  • Yulis Tagebuch, Haifa (12)

    Prominente

    Jeden Tag landen volle Maschinen mit Israelis, die verreist waren oder im Ausland leben auf dem Ben-Gurion-Flughafen. Sie kommen u.a. aus Japan, Deutschland, Südamerika und den Vereinigten Staaten zurück. Alle haben den Willen in diesen schwierigen Zeiten bei ihrer Familie zu sein und das Zuhause zu schützen. Sie wollen das hektische Land retten, obwohl sie aus diesem Grunde von hier weggegangen sind.

    Es stimmt jedoch, dass im Gegensatz zu ihnen, viele Israelis, auch Freunde von mir, am 8. Oktober von hier weggeflogen sind. Aber, ich sage es euch, sie erkannten einige Wochen später, dass als Flüchtlinge zu leben, und vor der Politik des Nahen-Ostens und dem Antisemitismus wegzurennen, halt unmöglich ist.

    Ich nehme aus dem Kühlschrank einige Dinge zum Abendessen heraus. Beim Waschen des Gemüses beginne ich ein Taubheitsgefühl in meinen Händen zu spüren und für Sekunden ist mir schwindlig. Ich rufe meiner Mutter aus der Küche zu: „Gibt es Wein im Haus?“

    Die Hysterie und das Weinen wird eventuell gleich beginnen, und weil ich Clonex nicht dabeihabe, muss ich etwas trinken. Die ganze Woche drückt es mir den Magen in die Kehle, diesen Zustand kann ich nicht wirklich ertragen. Die Bilder von den vergewaltigten Mädchen, der Krieg, die unendliche Liste von Toten, dem verlorenen Alltag, die unverwirklichte Liebe, nicht in meinem Zuhause zu sein, mein Leben mit meinem Sohn ohne große Ansprüche, erscheint wie eine Fantasie. Ich setze mich für einen Moment hin, spiele Musik auf mein Handy und trinke in drei großen Schlucken ein halbes Glas Wein. Dabei verbrennt schon die Butter in der Pfanne, aber es ist mir egal.

    Der erste Shabbat seit dem 7. Oktober rückt näher. Und obwohl die Tage vergehen, dieses Datum bleibt für immer der

    Siebente Oktober

    Wir sind immer noch auf der Suche nach Menschen und dabei, Leichen zu identifizieren.

    Mittlerweile hat Saudi-Arabien den Friedensprozess mit Israel eingefroren. Netanyahus‘ Kriegskabinett trat endlich nach einer Horror-Woche zusammen, die Hamas feuert Raketen aus dem Süden diesmal bis Haifa ab und ein jüdischer Siedler hat einen Palästinenser heute erschossen.

    Vielleicht spürt ihr es auch, dass ich wahrscheinlich nicht die Einzige bin, die bis jetzt verrückt geworden ist.

    Was ich erstaunlich finde, sind Äußerungen von Prominenten weltweit. Obgleich viele von denen weder in Israel oder im Nahen-Osten waren oder Krieg erlebten, äußern sie sich entscheidend über den Zustand. Natürlich freue ich mich sehr, dass Sportler wie Tom Brady ihre uneingeschränkte Unterstützung für Israel zum Ausdruck bringen, oder der NBA-Champion und ehemalige spanische Star Pau Gasol sich auf seinem Twitter-Account gegen die Hamas ausspricht. Auch was mich besonders mit Optimismus erfüllt, sind Bekundungen wie von „Bnei Sakhnin“ und „Bnei Rayna“, die besten Fußballmannschaften im arabischen Sektor in Israel, die eine gemeinsame schmerzhafte Erklärung für den 7. Oktober veröffentlichen. Jedoch, solche Verlautbarungen sind immer noch in der Minderheit.

    Da gibt es andererseits ganz viele Prominente, die das Massaker nicht direkt unterstützen, aber sie behaupten, die Tat der Hamas sei Widerstand gewesen, u.a. Selena Gomez, Hailey Bieber, Kanye West, Bella Hadid u.a.

    Klar ist mir, dass sie keine Ahnung haben. Aber selbst Menschen, die nie die USA besuchten, und sahen, wie die Maschinen im Jahr 2001 in das WorldTradeCenter eingeschlagen haben, hielten es nicht für einen legitimen Akt des Widerstands gegen die amerikanische Besatzung in Afghanistan.

    Jeder vernünftige Mensch mit ein wenig Vernunft sollte einen Terror erkennen, wenn er/sie ihn sieht.

    Ich bekomme eine WhatsApp Nachricht von der Kindergärtnerin und schalte kurz die Musik aus: Sie hat den Eltern informative Videos für die Kinder gesendet, mit denen wir die gegenwärtige Situation erklären können, und dabei ein Cartoons-Video mit Charakteren, die Kinder mögen.

    Ich schaue mir die Videos an, und finde sie eigentlich gut. Sie werden meinen Sohn ermutigen hoffentlich mehr über seine Gefühle zu reden. Aber ich warte bis morgen damit. Ich weiß nicht warum. Ein Gefühl halt. Ich bekomme noch eine Nachricht. Natalie hat mir eine Nachricht weitergeleitet, dies Mal von der Kultur- und Sportgemeinde. Familien der Evakuierten haben alles verloren und viele sind in Panik weggerannt. Die Gemeinde bittet die Bewohner der Stadt um Hilfe. Sie brauchen eigentlich alles. Ich werde mir am Samstag oder nächste Woche Zeit dafür nehmen. Heute ist es einfach zu viel . Die Flasche ist leer und es gibt noch kein Abendessen auf dem Tisch.