Kategorie: Deutsch

  • Yulis Tagebuch, Haifa (15)

    Dieser Text erschien am 13. März 2024  zuerst in der deutschen Version und wird jetzt mit Hilfe von Google und spanischem Lektorat auf spanisch zur Verfügung stehen.

    Internationaler Frauentag

    Seit zwei Nächten träume ich von einer mir unbekannten Frau, die fest entschlossen ist, Selbstmord zu begehen. Ich möchte ihr helfen, aber sie war von der Idee nicht abzubringen. Irgendwie gelingt es ihr trotzdem nicht. Wäre es ein Zeichen des Glückes, weiß ich nicht. Allerdings gibt sie nicht auf und versucht es noch einmal und noch einmal… Voller Wut und Frustration bleibt sie noch am Leben.

    Eine schreckliche innere Traurigkeit begleitet mich beim Aufwachen. Dieses Gefühl macht das Aufstehen ungeheuer schwer und wie während der Grippe rolle ich mich aus dem Bett um das Frühstück vorzubereiten. Wenn ich meine Verantwortungen als Mutter erfülle, fühle ich mich wie nach einem vollen Marathon.
    Mein alltägliches Lächeln entsteht heutzutage hauptsächlich durch das Zusammenpressen meiner Kiefer. Sekundenlang jeden Tag und langsam tut es aber auch weh. Ich versuche ja trotz allem im Hier und Jetzt zu sein, ohne verrückt zu werden und an jeden Tag, an dem ich keinen Ausbruch gehabt habe, fühle ich mich wie Wonder-Woman.
    Wie viele Tage noch kann man den Fernseher oder das Internet einschalten und so viele schöne Gesichter von toten Kindern, Mädchen, Frauen und Männern sehen? Wie lange kann man über den Tod nachdenken und so leben, als gäbe es ein Morgen?

    Ein Bild von der Online Zeitung „The Times of Israel“, ein Artikel von: Ellen Ginsberg Simon


    Ich kann immer noch nicht direkt und ausführlich über die Vergewaltigung von Mädchen, Jungen und Kindern schreiben. Aber mehr als einhundertfünfzig Tage sind vergangen, und die schöne Naama ist immer noch nicht zu Hause. Sie und so viele andere Mädchen und Frauen sind bei Terroristen der schlimmsten Sorte Sexsklaven geworden. Erinnern Sie sich an die jesidischen Frauen, die von Isis-Kämpfern stundenlang vergewaltigt wurden, weil sie sich weigerten, zum Islam zu konvertieren?

    Wahrscheinlich einige von ihnen sind schon schwanger geworden. Und vergiss nicht die sexuell übertragbaren Krankheiten in solchen Fällen. Nicht zuletzt auch die körperlichen und seelischen Verletzungen und Demütigungen. Dies sind nur wenige Gedanken des Schreckens die junge Mädchen und Frauen seit mehr als 150 Tagen durchmachen. Die Frauenorganisationen weltweit haben aber dazu nichts gesagt.

    Und zwar, letzte Woche war es der Internationale Frauentag. Für die Frauenorganisation sei es wichtig, dass sowohl die Putzfrauen mitfeiern als auch diejenigen, deren Ehemänner sie täglich schlagen… So oder so, alle Frauen sollen mitfeiern. Im allgemeinen bezweifle ich, dass dieser Tag oder die Frauenorganisationen die Zustände schwacher und mittelloser Frauen verbessern können.

    Seit dem 18. März 1911, als in Ländern wie Dänemark, Österreich, der Schweiz und Deutschland der Frauentag gefeiert wurde, gibt es immer noch keine Gleichheit zwischen den Geschlechtern: Lohnunterschiede, Chancen usw.
    Von daher gibt es keinen wirklichen Grund, diesen Tag zu feiern.

    Wenn es Gleichberechtigung gäbe, gäbe es keine Notwendigkeit, den Frauentag zu feiern, oder? Gegebenenfalls kann man den 8. März markieren als einen Tag, an dem die Frauen aufwachen sollten, anstatt in eine Art Selbstgefälligkeit und Euphorie zu verfallen. Nur weil die Männer uns endlich einen Gefallen getan haben, nachdem wir jahrelang mit schmerzenden Füßen neben ihnen gestanden haben und uns auf der Bank Platz gemacht haben, bedeutet nicht, dass wir das feiern sollten.

    Die beste Erklärung (wohl für mich), warum Frauenorganisationen unnötig sind, steckt in ihrem Schweigen angesichts der Vergewaltigung junger Frauen durch Terroristen.

    Auf dem Foto – Naama Levy (19) seit 7. Oktober bei Hamas.

    Sie sahen, wie ich, wie Naama Levy (19), mit der Hose voller Blut von einem Monster zu einem Transporter gezerrt wurde und haben nichts gesagt. War das für sie vielleicht ein Akt des politischen Widerstands? Oder vielleicht haben sie an der Glaubwürdigkeit des Videos gezweifelt ? Also, ich ziehe daraus auch paar Schlussfolgerungen:

    1. Dass diese Organisationen die Vergewaltigung jüdischer Frauen unterstützen.

    2. Sie glauben, Vergewaltigung könnte in bestimmten Fällen ein Ausdruck politischen Widerstands sein.

    3. Sie unterstützen Frauen, wenn es für sie politisch von Wert ist.

    4. Diese Frauen ziehen nicht an, was sie in ihrem eigenen Geschäft verkaufen (das ist eine Metapher, Sie werden die Bedeutung selbst herausfinden).

    5. Im Rahmen der Sichtbarkeit und Fans auf Social-Media, betrachten Frauenorganisationen die Anerkennung des Ereignisses als eine Schande zu ihrem Account.

    6. Alles sind nur leere Phrasen, und die Frauenorganisationen und Frauentage sind ein Pflaster für den blutigen Zustand der Frauen in der Welt.

    Sie sollen sich schämen. Schaut ihr Naama einen Moment lang in die Augen.
    Sei stark, Unser Mädchen. Mein Herz ist 155 Tage lang bei Dir und allen anderen.

  • Auschwitz und seine Vorgänger

    Die triumphierende Verbrennung

    Am Dienstag  dem 27. Januar 2025 wird der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz (Polen) vor 80 Jahren feierlich gedacht. 

    Ich kann in diesem Zusammenhang  nicht vermeiden,  mich zu erinnern, was vor vielen Jahren auf meiner so sympathischen Heimatinsel Mallorca geschehen ist. Es sind traurige Dinge, die da geschehen sind. Es betrifft Angriffe auf die Gemeinde von „Neuchristen“ (Konversos) seit der Massenkonversion vom Jahre 1435 n.C. Offiziell gibt es seitdem keine Juden auf Mallorca.

    Das Inquisitionsgericht wirkte  im Jahre 1488 n.C. aber nicht offiziell bis auf das Jahr 1675 (XVII. Jahrhundert). In diesem Jahr begann die Inquisition mit grossem Zorn gegen die konvertierten Juden vorzugehen. 

    Auf der Promenade El Borne wurden vom Inquisitionsgericht 23 Angeklagte verurteilt. Sechs wurden in Abwesenheit (als Verstorbene, Geflüchtete oder Nicht-Aufgefundene) verurteilt. Ein Jude aus Madrid wurde lebendig verbrannt.

    Im April 1679 n.C. gab es ein Autodafe und obwohl es dann nicht ausgeführt wurde, gab es doch Gefängnisstrafen und Vermögensbeschlagnahmungen. Alle seien damit „zufrieden“ gewesen.

    Die Verbrennung aus dem Jahre 1679 n.C. beschreibt ein  Augenzeuge, der Jesuit Francisco Garau im Buch „Die triumphierende Verbrennung“, es wurde im selben Jahr veröffentlicht. 

    Strassenschild in Altstadt Palma
    Strassenschild in der Altstadt von Palma de Mallorca (Foto: Privat)

    Das erste Autodafe vom 7. März 1679 n.C. fand im Kloster Santo Domingo statt. Dorthin wurden 24 Personen aus  der  Strafanstalt gebracht. Ihnen wurde vorher ihr gesamter Besitz genommen. Am 1. Mai 1679 n.C. wurde das zweite Autodafe auf der moderneren Plaza Gomila in der Nähe des Castillo de Bellver und weit  von der Stadt Palma wegen der „Rauchbelästigung“ abgehalten. Die Verbrennung wurde in einem großen Katafalk durchgeführt, das erreichte einen größeren Eindruck bei den 30.000 anwesenden Zuschauern.

    21 Menschen starben auf diese Weise.

    Am 6. Mai 1691 n.C. hat es stattgefunden, das dritte und noch blutigere Autodafe mit 21 Verurteilten. Von denen wurden elf  zusammen verbrannt. Sieben Menschen wurden einzeln und drei lebendig verbrannt. Das waren Rafael Vals (Rabiner) und die Geschwister Katalina und Benito Tarongi.

    Im Juli des gleichen Jahres gab es ein viertes Autodafe, wo zwei Menschen verurteilt wurden. Ein Verurteilter in Abwesenheit. 15 Verurteilte wurden „versöhnt“. Es gab hohe Geldstrafen. Nach diesem  gab es wahrscheinlich auf Mallorca keine Autodafes mehr. Aber die Heilige Inquisition hielt ihre Traditionen in Ehren…

    Als Chuetes werden die Nachkommen von Sephardischen Juden auf Mallorca bezeichnet seit der Zwangs-Konversion zum Christentum der mallorquinischen Juden (1391-1435 n.C.) Barral Editores, 1971, Barcelona

    Manuel Quadreny Cortes, Palma

  • Yulis Tagebuch, Haifa, (10)

    Dieser Text erschien am 15.02.2024 zuerst in der deutschen Version und wird jetzt mit Hilfe von Google und spanischem Lektorat auf spanisch zur Verfügung stehen.

    Freunde

    Die Stille auf der Straße hat uns dazu gebracht, die 50 Meter zwischen den Häusern schnell zu laufen. Die Kinder freuten sich darüber, sich wiederzusehen und das Geräusch des fröhlichen Lachens erwärmte und entspannte meinen ganzen Körper. In dem Augenblick war es uns egal, was die Kinder machten, alles war ihnen erlaubt. Sie sind laut – es stört uns nicht. Sie wollen Süßigkeiten? – kein Problem. Als wir klein waren, haben wir auch viel Mist gegessen und uns ist nichts passiert. Xbox spielen – Spiele zählen nicht als Bildschirmzeit, da sie die Kreativität stark fördern. Auch der Hund feierte mit und leckte noch die leeren Packungen auf dem Tisch aus. Ich weiß nicht, ob man das Gefühl richtig beschreiben kann, aber es war die Vergebung, des Verlangens auf mehr von den kleinen Dingen im Leben.

    Der Fernseher war nicht aus, aber er war im Stumm-Modus. Es war genauso der Zustand der Wachsamkeit neben dem Bedürfnis zu entspannen.

    Natalie ist in der Küche und ich sitze auf dem Balkon. Ich habe keine Lust mich über die Geschehnisse zu unterhalten. Ich wollte für einen Moment abschalten. Trotzdem hob ich von Zeit zu Zeit meinen Kopf, um die Schlagzeilen im Fernsehen zu lesen, und dann scrollte ich weiter auf Instagram. Natalie kam mit einem Tablett voller Leckereien raus, ich stand auf, um die Kaffeetassen zu holen und ihr bei dem Rest zu helfen. Heutzutage ist es unvermeidlich, die ganze Zeit zu essen. 

    Stellt Euch vor, wir sind zu Hause verschlossen, schlecht gelaunt, nervös, und meist hilflos. Dementsprechend gibt es in jedem Haus viel „Aktivität“ rund um den Kühlschrank. Süß, salzig und generell Kohlenhydrate sind der Depression bester Freund, ihr wisst es auch.

    „Wann fährst du nach Haifa zurück?“ – „Heute noch. Ich wollte euch erst treffen und die Kinder ein bisschen spielen lassen. Ich habe noch ein paar Sachen einzupacken und dann fahren wir zurück.“ „Sag mal, wie läuft es mit dem Mann?“ Für einen Moment habe ich mich verschluckt. „Ich weiß nicht, murmelte ich. Er schreibt manchmal, aber es geht nirgendwo.“ Plötzlich wurde es mir klar, wie tief die Wunde war. Aber ich konnte mich mit meinen eigenen Emotionen nicht konfrontieren, weil ich immer noch von den Ereignissen traumatisiert bin. In meinem Leben fühlt es sich gerade an, wie mit einem Mund voller Wasser, Luft zu schnappen.

    Ich bin die ganze Zeit mit meinem Sohn beschäftigt. Er hat Albträume in der Nacht, und er weint wieder so oft. Er hat Angst, aber er weigert sich offen mit mir darüber zu reden. Deshalb versuche ich soweit wie möglich eine Atmosphäre der Normalität zu schaffen, währenddessen mein Inneres aber chaotisch bleibt. „Ich habe weder die Lust noch die Zeit über ihn nachzudenken“, so kurz wie möglich habe ich das Thema zusammengefasst.

    Die gemeinsame Zeit verging so schnell. Immerhin haben wir es geschafft, ein wenig zu lachen. Die Kinder hatten viel Spaß und wie zuvor, waren sie glücklich wieder zusammen zu spielen. Plötzlich verspürte ich den Drang, nach Haifa zu gehen, ich fühlte mich gut. Bevor wir uns verabschieden, schaute ich noch einmal auf dem Fernseher. Um 14 Uhr, als im Norden Sirenen gemeldet wurden, hat mich das nicht abgeschreckt, denn im Norden wie im Süden sind die Menschen daran gewöhnt. Aber um 17 Uhr wurden die Bewohner des Nordens aufgefordert, sich in ihren Häusern einzuschließen. Natalie schaut mich an. „Du wirst jetzt nicht nach Haifa gehen, oder? Es handelte sich nicht allein um einen Raketenangriff, sondern zusätzlich um eine terroristische Infiltration 29 Kilometer von Haifa entfernt. Sie bitten die Bewohner zu Hause zu bleiben.“ „Ich weiß, Natalie. Ich kann die Schlagzeilen lesen. Bitte stresst mich nicht damit, denn ich bin bereit nach Hause zu fahren.“ – „Vielleicht sollst du es noch einmal erwägen.“

    Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Ich beschließe, die Entscheidung bei meinen Eltern zu treffen. Verdammt, warum bin ich nicht in der Schweiz geboren? Warum müssen wir und unsere Kinder in Israel lebenslang Krieg haben? Verdammt!

    Yasmin Muallem: Yom Kipur

  • Der Zivilisationsbruch – Auschwitz

    Zum 80. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz

    Der 27. Januar 1945 ist ein für alle Zeit geschichtsträchtiges Datum. An jenem Tag erreichten Spitzen der vorpreschenden Roten Armee das deutsche Vernichtungslager Auschwitz und – so ist vielfach bekundet – fanden, ohne dass die Soldaten in irgendeiner Form darauf vorbereitet gewesen wären, einen Ort bis dahin wohl weithin für unmöglich gehaltenen Grauens vor. Jedwede Beschreibung hierzu ist an dieser Stelle nicht mehr erforderlich, zu allen denkbaren Details füllen die Forschungsergebnisse ganze Bibliotheken und existiert in den Medien heute ein unüberschaubarer Fundus gesammelten Wissens.

    Gewiß, die Menschheitsgeschichte ist auch eine Geschichte unsäglicher Verbrechen und unvorstellbarer Grausamkeiten, sie ist – hier darf an ein Wort Klaus Theweleits erinnert werden – ebenso eine Geschichte des Schmerzes, den sich die Menschen zu allen Zeiten gegenseitig zufügten. Aber das Monströse, für das Auschwitz das ewige Synonym bleiben wird, das fabrikmäßige Morden von Menschen mit dem Ziel, vor allem die jüdische Bevölkerung überall dort, wo man ihrer habhaft werden konnte, zu töten, ausgeführt und geduldet von einem Volk, dessen Dichter und Denker einst Ruhm in der ganzen Welt genossen, ist als singuläres Ereignis untilgbar in das Menschheitsgedächtnis eingebrannt und das wird immer so bleiben.

    Wie ist 80 Jahre später daran angemessen zu erinnern? Worauf soll sich unser Gedenken jetzt richten? Die Umstände heute sind mehr als schwierig. Als dem Europarat 2002 gelang, den 27. Januar zum Holocaustgedenktag zu bestimmen, schien noch alles einfach. Damals deklarierten die Initiatoren die Erinnerung an dieses unfassbare Verbrechen als sein Anliegen, ihn daneben aber auch zum Tag zur Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber unsere Welt steht nicht still. Wenn uns etwa seit dem 7. Oktober 2023 die dramatischen Entwicklungen im Nahen Osten in Atem halten, dann ist hier vielfach von genau solchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Rede – und zwar auf allen Seiten der kriegführenden Parteien. Diese Situation allein scheint bereits so wirkmächtig, dass das Erinnern an den Holocaust hierzulande vom tagespolitischen Geschäft, und dies ganz besonders in Zeiten des Wahlkampfes, erstickt zu werden droht. Fügt man dem noch die jüngsten Befragungsergebnisse hinzu, die abnehmendes Wissen über die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur insbesondere in der heranwachsenden Generation belegen, wird umso deutlicher, dass der inzwischen allzuoft gehörte Appell, alles müsse getan werden, damit sich solch Geschehen nicht noch einmal ereigne, hier allein längst nicht ausreicht.

    Eine Generation, die geht… In Israel gibt es 123.715 Holocaust-Überlebende, 73 % von ihnen sind über 80 Jahre alt. Von den Überlebenden sind 61 % der Bevölkerung Frauen (75.885) und 39 % Männer (47.830).
    Quelle: Communities Plus
    https://chat.whatsapp.com/HXy046Kj815GUCRl8f9Zpv

    Denn tatsächlich geht es in diesem Gedenken um etwas anders. Weit mehr als die Erinnerung an dieses fürchterliche Verbrechen ist wachzuhalten – so sehr auch zu unterstützen ist, dass alle Details dazu erforscht, erfahrbar gemacht und bewahrt werden –, dass der Holocaust vor allem ein furchtbarer Bruch in den seit rund zwei Jahrtausenden bestehenden christlich-jüdischen Beziehungen war. Hier ist an einen Gedankengang Yehuda Bauers zu erinnern, der 1998 – gleichfalls am 27. Januar – im Deutschen Bundestag unterstrich, dass die europäische Kultur im Kern auf zwei Säulen beruhe: zum einen Athen und Rom, zum anderen Jerusalem. Griechisch-römische Literatur, Recht, Kunst und Philosophie wären über Jahrhunderte ebenso wirkmächtig wie die Propheten und die moralischen Gebote der hauptsächlich von Juden geschriebenen christlichen Bibel. Die Juden selbst waren bis in das 20. Jahrhundert hinein nie wirkliche Feinde von Deutschen oder Deutschlands, vielmehr wären deutsche Juden nicht selten darauf stolz darauf gewesen, was sie Gutes für die deutsche Zivilisation geleistet hätten. Aus gerade diesem Grund hätten sich die Nationalsozialisten mit ihrer Absicht, alle bestehenden Ordnungen zu liquidieren, um sich selbst schließlich zum Herrscher über die gesamte Welt erheben zu können, entschlossen, diese feste jüdische Wurzel der abendländischen Zivilisation unumkehrbar vernichten zu wollen.

    Yehuda Bauer mahnte die Europäer, und dabei insbesondere die Deutschen: „Sich da des Holocaust zu erinnern ist nur ein erster Schritt. Ihn und alles, was im Zweiten Weltkrieg an Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhaß geschah, zu lernen und zu lehren ist der nächste verantwortungsvolle Schritt. Bei diesem Schritt sind wir, Deutsche und Juden, voneinander abhängig. Ihr könnt die Erinnerungsarbeit nicht ohne uns bewältigen, und wir müssen uns sicher sein, dass hier, woher der Holocaust kam, eine alt-neue, humane, bessere Zivilisation auf den Trümmern der Vergangenheit entstanden ist. Wir zusammen haben eine ganz besondere Verantwortung gegenüber der gesamten Menschheit.“

    Fast drei Jahrzehnte sind seit dieser Mahnung des unlängst verstorbenen großen Historikers vergangen. Angesichts der aktuellen Weltlage kann man den Gedanken nicht vollkommen unterdrücken, dass sich die Erfolge auf diesem Weg eher bescheiden ausnahmen. Und die Größe dieser Aufgabe ist, ebenfalls unverändert, kaum zu ermessen – aber zur Arbeit an ihr, Tag für Tag, gibt es keine Alternative.

    Dr. Gerald Diesener

  • Yulis Tagebuch, Haifa (7)

    Dieser Text erschien am 04.02.2024 zuerst in der deutschen Version und wird jetzt mit Hilfe von Google und spanischem Lektorat auf spanisch zur Verfügung stehen.

    Purple Rain

    Ich bin heute morgen sehr traurig. Und auch der Himmel weint mit uns. 24 israelische Soldaten sind im Kampf in Gaza in der Nacht gestorben – der größte Verlust seit dem 7. Oktober. Das ist tragisch.

    Ich habe das Gefühl, dass ich hier etwas erklären muß: Israelis melden sich nicht freiwillig zur Armee. Aber weil Israel seit seiner Entstehung unter ständigen Attacken leidet, herrscht hier seit 1949 wie während des Zweiten Weltkriegs in Europa oder während des Vietnam-Kriegs in USA Wehrpflicht für Männer und Frauen. Und so sind diese Männer auch gestorben, weil sie als Israelis keine
    andere Wahl hatten. Denn wer soll uns in diesen Zeiten schützen? Das Land ist so klein wie ein Embryo in der Gebärmutter in der ersten Woche der Schwangerschaft.

    Nach der kürzlichen Explosion war insbesondere der Sonntag eine Achterbahnfahrt. Mittags riefen bereits Freunde an und teilten mit, dass sie mit den Kindern wegfliegen wollen, sie möchten das Land für eine Weile verlassen. Gleichzeitig bekomme ich dutzende Nachrichten durch alle möglichen Mediennetzwerke von Freunden, Kollegen und Familienangehörigen aus Europa,
    hauptsächlich aus Deutschland und Österreich, aber auch aus England, den USA und Schweden. Alle machen sich Sorgen um mich und meine Familie, aber auch um dieses Land. Hilfsbereit bieten sie uns an, zu ihnen ins Ausland zu fliehen, bei ihnen zu bleiben – mindestens so lange, bis sich die Situation verbessert.

    Theoretisch denke ich mit einem halben Augenzwinkern ja, ich müsste fliehen, und jetzt wäre etwa Thailand als Ziel attraktiver als das dunkle Europa im Herbst. Aber in Wirklichkeit ist das gerade keine Möglichkeit für uns. Ich bleibe hier. Wie kann ich das für Außenstehende in zwei Sätzen zusammenfassen? Wenn es keinen Ort gibt, an den man zurückkehren kann, wird es auch keinen Ort geben, an den man in Frieden leben kann.


    Abends ruft mich eine gute Freundin an. Sie fragt, wie es mir geht, aber sie ist durch die Nachrichten besorgt und jetzt möchte sie eine beruhigende Erklärung von mir hören. Israelische Medien und der NBC berichteten, dass Schiffe und Militärflugzeuge der US-Marine auf dem Weg nach Israel seien. Darüber hinaus wird die Möglichkeit in Betracht gezogen, einen in Israel gelagerten Vorrat an amerikanischer Munition für Notfälle freizugeben. Sie stellt mir die Frage, ob das bedeutet, dass es im Nahen Osten zu einem umfassenden Krieg kommen wird. Und ich erkläre in akademischem Ton, dass dies meiner Meinung nach eher ein
    psychologisches als ein praktisches Motiv sei, dass man die Interessen Russlands und Irans im Hinterkopf behalten müsse … und ich rede und rede und beruhige sie, während dessen ich beginne, mich dabei langsam unwohl zu fühlen.

    Aus heutiger Sicht ist die Hälfte des Territoriums des Staates Israel Angriffen von islamistischen Tschihad-Terroristen und Iranische Proxys – Hisbollah, Hamas und Huthi, zu denen gehören schon Millionen Mitglieder – ausgesetzt. Diese Terroristen sind keine Handvoll wahnhafter Menschen, sondern sie verfügen über
    die Fähigkeiten einer kleinen Staatsarmee. Hamas verfügt über zehntausend Raketen unterschiedlicher Reichweite, Hisbollah über mehr als hunderttausend. Die Huthi greifen Israel vom Meer aus an und parallel gibt es ständige Versuche, aus dem Westjordanland Anschläge zu verüben. Es scheint mir, dass der 7. Oktober der Beginn einer neuen Ära war: Ein globaler Versuch, Israel zu
    zerstören und gleichzeitig die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten – und damit unmittelbar verbunden – auf der ganzen Welt zu ändern.

    Derzeit sind wir Flüchtlinge in unserem Land. Wir versuchen das anhaltende Inferno täglich zu überleben, und wir sollen während dessen objektiv und rational die Geschehnisse für den Westen erklären. Schwer verletzt und fast kaputt weigern sie sich uns in die Augen schauen und Empathie zu empfinden.
    In Europa blüht indessen extremer Islamismus gerade in der jungen Generation. Auch diejenigen, die mit der Idee von Daesh die Welt zu beherrschen geplant haben, haben ihren Plan nicht aufgegeben, sondern die Strategie geändert und auf die richtige Zeit verschoben. Aber in Europa herrscht ein langer Winter. Die
    Europäer schlafen, sie sind mit positiven warmen Gedanken an sich selbst beschäftigt.

    Ich kann aber nicht schlafen. Morgen gehe ich einkaufen und dann, am späten Nachmittag, wollen wir zurückkehren – und ich bin vor der Autofahrt nach Norden schon jetzt nervös.

    Johann Wolfgang von Goethe, Egmont, Erster Aufzug, Jetter, ein Bürger von Brüssel,
    Sprecher Patrick Becker
  • Yulis Tagebuch, Haifa (8)

    Dieser Text erschien am 13.02.2024 zuerst in der deutschen Version und wird jetzt mit Hilfe von Google und spanischem Lektorat auf spanisch zur Verfügung stehen.

    HAMASisISIS

    Nach einigen Tage zu Hause ist mein Sohn allmählich gelangweilt und unruhig. Es fühlt sich für mich langsam so an, als säßen wir alle in einem großen Druckkessel. 

    Mein Sohn – wie alle Kinder in seinem Alter – muss einfach die aufgestaute Energie freisetzen. Es tut ihm nicht gut, zu Haus eingesperrt zu sein. Zusätzlich macht es für unsere Mutter-Sohn Beziehung nicht gut. Denn er vermisst seine Freunde, seine regelmäßigen Aktivitäten, Hobbies, kurzum – seinen Alltag. Und ich verstehe es, denn ich vermisse ihn ebenso. 

    Wir sind alle frustriert, fühlen uns kaputt. Das Problem für mich als Mutter in solchen Zeiten ist, dass die öffentlichen Parks ganz menschenleer sind, auch die Straßen. Deshalb bin ich zusätzlich unsicher, mit ihm draußen herumzulaufen; es macht mir, und anscheinend vielen anderen Eltern auch, ein bisschen Angst.

    Achtung! Wenn jemand diesen Zustand mit der Corona-Zeit vergleichen möchte, dann bitte denkt daran: In Corona-Zeit waren wir zu Hause sehr kreativ; ich habe, wie viele langweilige Eltern weltweit, ganz viel gebacken (deshalb auch an Gewicht zugenommen), Netflix geschaut, die Wohnung neu geordnet usw. Wir trafen uns mit Freunden (es war geheim! …), und wenn möglich saßen wir draußen in den Parks oder gingen sogar am Strand spazieren, um zu entspannen. Es war schwierig, aber eine positive Stimmung herrschte. Die Welt war vereint. Seit der Arche’ Noah saß die ganze Menschheit zum ersten Mal im selben Boot.

    Im Gegenteil sind wir zurzeit allein, Feinde kreisen um uns herum, und die liberal-demokratischen Länder sind auch nicht hundertprozentig auf unserer Seite. Eine der größten Demonstranten gerade gegen Israel ist Greta Thunberg. Zurecht macht sie sich Sorgen um das Leben der Schildkröten, der Wale usw. eben alles, was im Ozean lebt. Aber was ist mit unseren Babys? Die Dekapitierung von Babys gilt für sie als grüner Akt?

    Genauso wie die akademischen Demonstranten in Harvard oder in Penn, die für Menschenrechte, aber dabei für Terrorherrschaft protestieren. Claudius Seidl schreibt dazu in der FAZ am 25. Oktober: „Es war einer der Momente, da man sich wünschte, dass es nur Dummheit und nicht Bosheit sei.“ 

    Ich beziehe mich dabei noch nicht einmal auf die fehlende Solidarität mit den getöteten und vergewaltigten Kindern und Frauen, beklage noch nicht die verabscheuungswürdige Stille der Frauen- und Menschenrechtsorganisationen. Dafür muss ich erst noch Kräfte sammeln.

    Greta Thunberg von Greta Thunberg Instagram

    Also, grundsätzlich gibt es gerade keine Ausgangssperren oder auch nur eine Empfehlung, zu Hause zu bleiben. Wir können rausgehen, aber es ist einfach beängstigend.

    Als die Anzahl der Ermordeten die Tausend überschritt, hörten die Medien auf, die Nummern in groß und rot auf dem Bildschirm zu zeigen. Heute überstieg noch die Anzahl der Entführten die 100 – aber es war nicht die endgültige Anzahl. Und außerdem gibt Tausende Verwundete – aber sie rechnet man nicht als „Opfer“, weil sie körperlich überlebt haben (obwohl sie geistig tot sind).

    Es gibt etwas Unvorstellbares an den Geschehnissen des 7. Oktober. Die Gedanken an das Abhacken von Kinderkörperteilen, die dann allein in der Wohnung verbluteten, oder ganze Familien, die zusammen gequält und ermordet wurden; Mama, Papa und 3 Kinder. Das Verbrennen der Leichen der Nova-Jungen in ihren Autos, so dass ihre Identifizierung nur noch an ihren Zehen möglich war, all das und viel mehr macht für mich den folgenden Vergleich irrelevant: Hamas ist wie ISIS? Hamas ist wie die Nazis? Warum braucht man den Vergleich, um zu verstehen? Vergleiche sind relevant, wenn uns die Worte zur Beschreibung fehlen oder es ist zu schwierig oder unmöglich festzuhalten, worum es geht. Hier wird alles „live“ übertragen, ohne Zensur, ohne Kommentar.

    Ok. aber ganz kurz! ISIS: Die meisten ISIS-Mitglieder waren keine ausgebildeten oder erfahrenen Kämpfer. Die meisten von ihnen waren Jungen aus Europa, und aus anderen Ländern, die einer Idee folgten. Ihnen wurde eine Waffe gegeben und damit waren sie bereit, zu töten und getötet zu werden. Die geringen Kampffähigkeiten bewährten sich auch mit der schnellen Eliminierung der Organisation und das Zurückkehren der Jungen nach Hause.

    Die Autos vom Nova Festival, Foto: Moshe Shay, (publiziert in der Zeitung Israel Hayom, 24.01.2024)

    Die Nazis: Im Vergleich zur Hamas wussten die Nazis vor allem, dass sie Verbrechen begingen, und versuchten, diese zu verbergen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs der Unterschiedlichkeiten. Stimmt es, dass die gesamten Gruppen Menschen gerne dekapitierten?

    Meiner Meinung sind die Geschehnisse von 7. Oktober viel schlimmer: Eine Armee wenn auch klein, gut ausgebildete Kommandokämpfer, ausgestattet mit Waffen und Kampffähigkeiten, drang in die Häuser der einfachen Menschen und selbst in deren Kinderzimmer, um sie in eine Hölle zu verwandeln. Währenddessen saßen Menschen weltweit vor dem Fernsehschirm mit Popcorn und Getränken, sich das alles gern anschauend. Ich persönlich brauche solche Vergleiche nicht.

  • Yulis Tagebuch, Haifa (4)

    Krieg um die Heimat, Kampf um das Zuhause

    Heute ist Sonntag, der 8. Oktober. Der erste Tag nach den Feiertagen, und noch ist alles geschlossen. Auch die Schulen. Routine ist das einzige, was ich mir eigentlich zum Geburtstag gewünscht hatte, statt dessen ist die Gegenwart über Nacht zum Albtraum geworden.

    Die Straßen sind leer, draußen ist es vollkommen ruhig. Man hört kein einziges Auto, nicht mal die Müllwagen. Man könnte es für einen ganz normalen Sonntag halten, wäre da nicht jene bedrückende Stille. Es ist keine Ruhe eines Feiertages, es ist die Stille des Krieges. Denn in mir ist alles sehr sehr laut und chaotisch, mir geht es nicht gut. Jetzt kann man, noch weit entfernt, Geräusche von Kriegsflugzeugen hören.

    Mitten in der Nacht, als ich und die meisten Menschen in der Welt in ihren Betten schliefen, müssen Menschen in den Kibbuzim darum bangen, dass ihnen gelingt, die Tür des Sicherheitsraumes geschlossen zu halten. Es sind dort mehr als 24 Stunden entsetzlich langsam vergangen, der Rauch, die Schüsse und Explosionen sind hinter den Türen noch zu hören und zu riechen. Die Stärksten in den Familien hielten die Tür fest verschlossen, hoffend, dass ihnen so Schutz gewährt bleibt. In Einigen Räumen nahm der Sauerstoff ab, so dass sogar die Kerzen nicht mehr brennen konnten.

    Manche Familien haben weniger Glück. Die Terroristen haben ihre Häuser mit den Menschen darin niedergebrannt. Versuchten sie zu entkommen, wurde geschossen; nicht wenige Schwerverletzte versuchten, sich in Sicherheitsräume zu retten. Dort verbluteten viele von ihnen, obwohl die Familie oder Freunde noch zu helfen versuchten. Aber oft gab es in den Räumen nicht genug Verbandsstoff und nach ein paar Stunden oder am nächsten Tag starben diese Verwundeten neben den geliebten Menschen.

    29b3f2b1-9ec6-4938-956f-c11c0ccbe963.JPG

    Die Dunkelheit im Raum und der Durst wurden zudem immer unerträglicher, besonders für Kinder und alte kranke Menschen. 40 Babys sind allein an einem Tag ermordet worden, und so viele andere Menschen fanden auf ganz verschiedene Art und Weise schließlich den Tod.

    Die Briefkästen von Nir-Oz – hier eine Aufnahme vom 10. November – können wahrscheinlich besser als alle Beschreibungen die Tragödie in einem Kibbuz allein illustrieren. Die schwarzen Zettel stehen für entführte Menschen, die roten Zetteln weisen auf getötete Menschen hin.

    (Nir-Oz Briefkasten) Kredit: Erez Cohen, Fotograf in Kan-TV 

    Am Morgen des 8. Oktober lautete die Schlagzeile in den Zeitungen und überall im Internet „Krieg um das Zuhause“, diese vier Worte dominieren die Titelseite. Tatsächlich erleben wir jetzt nicht schlechthin einen Krieg um die Heimat, sondern den Kampf um unser Zuhause, um unsere persönliche und private Sphäre, in die die Terroristen brutal eingedrungen sind. Mit der Schilderung der kaum zu ertragenden Erfahrungen, die ich sammele und verarbeiten muss – und ihr müsst mir dazu noch ein wenig Zeit geben – sollte man den Kampf um die Heimat von jenem um das Zuhause unterscheiden können.

    Die durch Hamas-Terroristen ausgelösten Explosionen von Bussen, wie wir sie während der zweiten Intifada erlebten, sind meiner Meinung nach nicht vergleichbar mit dem gegenwärtigen Terror. Die damaligen Terroristen aus Gaza waren keine echten Krieger. Oft waren sie nur hasserfüllte Handlanger, die von der Hamas für politische Ziele ausgenutzt wurden. Sie haben sich für 72 Jungfrauen im Himmel und für Geld für ihre Familien zu Selbstmordanschlägen oder andere Morde animieren lassen. Diese Art von Terror war anders als jener der gegenwärtigen Terroristen. Und obgleich beide der blanke Horror sind, finde ich die jetzigen Terroristen aus Gaza mehr der Abteilung der professionell-psychopathischen Mörder zugehörig.

    Sie drangen in den privaten Bereich ein und haben ganze Familien ermordet, auch Kinder. Kleine Kinder und Babys neben ihren Eltern. Sie verstümmelten die Körper der Kinder im Namen … im Namen des Hasses. Im Namen der Sinnlosigkeit, im Namen des Wahnsinns, im Namen des Nichts! 

    Sie waren trainiert und bewaffnet wie Soldaten, aber haben sich verhalten wie die niedrigsten Barbaren. Darüber hinaus hat die Hamas seit 2006 politisches, soziales und ökonomisches Gewicht gewonnen. Ein jährliches Budget von zwei Milliarden Dollar, über 10.000 Raketen verschiedener Reichweite, 3000 Kommandeure und über 20.000 Soldaten sprechen eine deutliche Sprache. Am 7. Oktober zeigte die Hamas die Fähigkeiten dieser kleinen Armee, die viel mehr als eine Terrororganisation ist. Dabei gehört auch eine Einheit, die dank ihrer Qualifikation im Umgang mit den modernen Medien im Bereich Bewusstseinskrieg die ganze Zeit überaus aktiv war.

    In diesem asymmetrischen Krieg begreifen es die Führung und die Mitstreiter der Hamas sehr wohl, dass die Vergeltungsmaßnahmen der IDF (Israel Defense Forces) verheerende Folgen für sie haben werden. Und trotzdem sind sie bereit, alles zu opfern, was die Organisation erreicht hat – ihre Zivilisten, Katars Geldkoffer, das Geld aus Europa. Sie sind dazu bereit, nicht weil sie etwa nicht korrupt wären, sondern weil ihr Fanatismus größer ist, als man verstehen kann.

    (Tägliche Zeitung: Yedioth Ahronoth, 8.10.2023)

  • Yulis Tagebuch, Haifa (5)

    Eltern und Kinder,

    8. Oktober 2023, 8,15 Uhr
    Es gehört zu den unfaßbaren Episoden am 7. Oktober: Während des Massakers riefen Terroristen ihre Eltern aufgeregt an, um ihnen zu erzählen, wie viele Juden sie ermordet hätten. Anscheinend zählt das im Gazastreifen als eine Leistung im Leben eines Mannes. Ihre Eltern waren gleichfalls sehr emotional und haben, stolz und gerührt, ihre terroristischen psychopatischen Kinder gesegnet. Überraschend ist es nicht, denn zur Wahrheit gehört, dass die Palästinenser – sicher nicht alle, aber doch wohl die Mehrheit – ihre Kinder von Geburt an zum Judenhass animieren, jene damit aufwachsen und dazu erzogen werden, auch gern zu sterben.

    Wenn ein Hamas-Kämpfer seine zweijährige Tochter in den Händen hält und erklärt, er würde stolz auf sie sein, wenn sie als „Shahid“ (Märtyrer) sterbe, versteht man, was unmöglich zu akzeptieren ist: Das sind Menschen, die ihre Kinder im Namen einer Ideologie und aus purem Hass gern zu opfern bereit sind und sie zu Mördern erziehen

    Ihr könnt wahrscheinlich kaum begreifen, was für mich „Frieden“ bedeutet, wie ich ihn begehre. Nun, im Angesicht des Schreckens frage ich mich aber: Mit wem willst du Frieden schließen? Denn die Türen zur Hölle sind geöffnet und alles, aber auch alles wird direkt, live im Fernsehen ausgestrahlt. Es ist schwierig, dazu „Imagine all the People“ von John Lenon zu hören.

    Trotzdem kann ich mein Kind aber nicht den ganzen Tag am iPad verbringen lassen. Ach, ja! Es fällt mir plötzlich ein, ich wollte irgendwann noch zu unserem Supermarkt gehen … naja, vielleicht heute doch noch nicht, morgen wäre mir lieber. Es gibt noch was im Kühlschrank. Und die Wäsche … Ich lasse meinen Sohn nicht mit dem iPad den ganzen Tag verbringen. Eigentlich gibt es bei meinen Eltern genug Spielzeuge und Lego. Ich muss mit ihm darüber ernsthaft reden, und ihm erklären, dass das gestern eine Ausnahme war.

    Bumms! – ein fürchterlicher Krach! Ich legte meine Hände auf meinen Kopf und suche mit den Augen nach meinem Sohn. Er rennt panisch auf mich zu: „Mamaaaaa!!“. Ich dachte zuerst, die Decke fällt jetzt herunter, vielleicht wurde das Haus von einer Rakete getroffen?

    Ich beschütze ihn jetzt und warte. Aber nichts passiert, die Wände stehen, obwohl ich dachte, sie würden gleich einstürzen. Trotzdem hallt die Explosion noch immer in meinem ganzen Körper nach. „Mein Kleiner, es war echt schrecklich gerade. Ich weiß. Das war mega laut und fühlt sich so ganz nah.“ „Mama, spüre mein Herz, wie schnell es schlägt, ich habe Angst!“. „Ich auch, mein Schatz. Komm, setz Dich zu mir. Lass uns paar Minuten zusammenbleiben.“ (Ich bin nicht sicher, wer jetzt wen beruhigt – ich ihn oder er mich?)

    Ich spüre eine ungeheure innere Frustration und Wut gegenüber dieser Welt, was für eine beschissene Welt! „Mama, du zerquetschst mich!“. „Tut mir leid, Schatz. Du kannst jetzt wieder spielen, oder nimm das iPad. Tu, was Du möchtest.

    Ich schaue noch einen Moment durch das Fenster, um zu sehen, was los ist, vielleicht ist da Rauch? Aber draußen ist wunderbares Wetter. Das ist kein Tag, um in Bunkern zu sitzen. Jedenfalls, ich bin mit dem Nachdenken für heute fertig. Vielleicht wäre es besser bald nach Haifa zurückzukehren. Ich überlege, aber gerade ist es 8.00 Uhr morgens und ich bin schon wieder müde und erschöpft.

    Im Fernsehen häufen sich die Schrecken immer weiter, bei mir gleichfalls. Und ich warte weiter, warte auf irgendwelche Informationen im Fernsehen, um zu verstehen, was uns da gerade passiert.

  • „Die Welt von gestern“

    Stefan Zweig – der heimatlose Europäer

    Stefan Zweig, geboren am 28. November 1881 in Wien, Österreich, verstorben am 22. Februar 1942 in Petropolis, Rio de Janeiro, Brasilien.

  • „El mundo de ayer“

    Zweig y la Europa del principios del siglo XX

    Stefan Zweig, nacido el 28 de noviembre de 1881 en Viena, Austria. Fallecido el 22 de febrero de 1942 en Petropolis, Rio de Janeiro, Brasil.